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3. Tag auf der Berlinale 2020

Von Freundschaft und Liebe

Zoopalast zur Berlinale
© Credit: Ianni Dimitrov Pictures / Alamy Stock Photo

Nachdem die Wettbewerbsfilme des ersten Tages der Berlinale eher verhalten aufgenommen und durchschnittliche Bewertungen erhielten, gab es am Samstag mit First Cow das erste Highlight bei Kritik und Publikum.
Zugleich gibt es auch die ersten Aufregungen (neben der Abschaffung der schmerzlich vermissten App), da die Änderungen im Programmablauf auf wenig Gegenliebe beim Publikum stoßen. Bisher kamen nach der Aufführung auch bei den Wettbewerbsfilmen die Filmschaffenden auf die Bühne, wurde beklatscht und sagten oft ein paar Worte. Nun bleibt die Filmcrew nach der Aufführung in der Reihe sitzen, wird gefilmt und die Bilder werden auf der großen Leinwand und draußen vorm Berlinale Palast übertragen. Das wirkte am Samstag noch nicht eingespielt, die Filmleute schienen nicht so richtig zu wissen, was tun sollen und das Publikum war enttäuscht.

Gerade der Moment, wenn Regisseure und Schauspieler auf der Bühne stehen und von dem Menschen in dem riesigen Saal gefeiert werden, gehörte immer wieder zu den magischen Berlinalemomenten, so als Denzel Washington Tränen in den Augen hatte bei den Standing Ovations zu Hurricane, oder als wir als bei Hotel Ruanda Crew und die realen Vorbilder bejubelten, beklatschten und mit nicht endend wollenden Applaus feierten.
Das sind diese Momente, welche die Berlinale zu diesem ganz besonderen, unvergesslichen Erlebnis machen ...

Am Sonntag gehen der brasilianische Film Todos os mortos und der deutsche Beitrag Undine von Christian Petzold ins Bärenrennen. Mal sehen, ob sie auch für magische Berlinalemomente sorgen.

First Cow

Kelly Reichardts erster Berlinalefilm First Cow ist ein Film über die Freundschaft. Er spielt im frühen 19. Jahrhundert im amerikanischen Westen, wo alles noch neu ist und einem alle Möglichkeiten für einen neuen Lebensentwurf offenstehen, hat man nur Ideen und das nötige Kleingeld.
Der Koch Cookie findet im Wald den Chinesen King-Lu, der auf der Flucht ist. Er hilft ihn zu entkommen, später treffen die beiden Außenseiter wieder aufeinander und beginnen eine tiefe Freundschaft. Sie träumen von der Zukunft mit einem kleinen Hotel im Süden und der geschäftstüchtige King-Lu hat auch die zündende Idee, wie sie an das Startkapital kommen. Der Chef der Siedler (Toby Jones) hat sich eine Kuh angeschafft, die erste in der Gegend. Und so melken sie diese heimlich nachts, um Küchlein zu backen und diese in der Siedlung zu verkaufen.
Dem Film ist eines von William Blakes Sprichwörtern aus der Hölle vorangestellt: "Dem Vogel ein Nest, der Spinne ein Netz, dem Menschen die Freundschaft". Freundschaft, das beschreibt der Film ganz wunderbar und fasst es mit der ersten und letzten Einstellung anrührend zusammen. Gerade am Anfang besitzt er eine rauhe Schönheit, im letzten Drittel kann er sein dramaturgisches Niveau nicht ganz halten, doch am Ende sind wir ganz nahe dran an beiden Freunden Cookie und King-Lu.

Le sel des larmes

Philippe Garrels erster Wettbewerbsfilm Le sel des larmes ist ein Film über die Liebe. In betörend schönen Schwarz-Weiß-Bildern erzählt er von dem jungen Tischler Luc und dessen Suche nach der Liebe. Zunächst trifft er auf die junge Djemila, die er mit seiner wiedergefundenen Jugendfreundin Geneviève betrügt. Beide Frauen wird er bitter enttäuschen, beide Male wird er sich jämmerlich feige aus dem Staub machen. In Betsy glaubt er dann die wahre, ebenbürtige Liebe gefunden zu haben …

Der Film wirkt wie aus der Zeit gefallen. Zwar spielt er im Hier und Jetzt in den Pariser Vororten, aber es werden noch Adressen auf die Hand geschrieben. Alles strahlt eine vage Zeitlosigkeit aus, was das leuchtende Schwarz-Weiß noch unterstreicht. Störend sind allerdings die Einsprecher, welche vorwegnehmen, was man dann sowie sieht. Auch wenn sie so gewollt sind, nerven sie doch eigentlich nur. Genau nervt irgendwann die Hauptfigur, denn Luc ist ein ausgemachter Unsympath. Erst am Ende fühlt man mit ihm, wenn es dann doch um eine ganz andere Beziehung und Art der Liebe geht.

One of These Days

Es ist einer von diesen Tagen …  in einem trostlosen Kaff irgendwo im Süden Amerikas ist es eigentlich ein Tag, der Abwechslung und Hoffnung verspricht. Der hiesige Autohändler lädt zum Hands-on ein, ausgewählte Kandidaten stehen dabei um ein Auto und dürfen die Hand nicht davon nehmen. Wer als letzter durchhält, gewinnt den Truck. Jeder der Teilnehmenden hat dabei eigene Gründe mitzumachen. so braucht Kyle den Truck, um seine Familie durch zu bringen.

Begleitet wird das Spektakel von neugierigen Zuschauern, einem Festprogramm und Carrie Preston, der Managerin des Autohauses und Organisatorin von „Hands on“. In glühender Hitze und im Regen Stunden für Stunden stehend und wartend, brechen zwischen den Teilnehmern immer mehr die Konflikte und Frustrationen auf.

Der Film des deutschen Regisseurs Bastian Günther zeigt auf überzeugende Weise, wie die arme Unterschicht zum Amüsement der anderen dient, wie Träume und Hoffnungen auf ein nur bisschen besseres Leben zerplatzen und der Medienzirkus seine Opfer fordert. Der Regisseur sagte in der Pressekonferenz, ihn habe die Frage, warum Menschen rechtsradikale Parteien wählen, zu dem Film bewogen.
Am Ende zerfasert die Struktur des Films leider in unnötigen Rückblenden, zuvor allerdings behält er in der Konzentration auf einen Ort und ein Event seine Spannung und ist ein interessanter Kommentar zu den heutigen sozialen Zuständen.

 

Kristin Buller

Kristin

lächelt nur auf Fotos nicht. Ganz fröhlich ist sie im Berliner Kulturleben unterwegs und schreibt über die Kulturszene Berlin – die Großstadt vor und hinter den Kulissen. Ihre liebste Jahreszeit ist die Berlinale, dann sieht sie 10 Tage lang Filme und erzählt davon im Blog.

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