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Zeitreise ins Berlin des 13. Jahrhunderts

Das älteste Restaurant in Berlin: Zur letzten Instanz in Berlin, Mitte
Das Traditionsrestaurant Zur letzten Instanz visitBerlin, Foto: Pierre Adenis

Täglich steigen in Berlin Millionen Menschen aus. Sie steigen aus Bussen, Bahnen und Trams, wollen zur Arbeit, Einkaufen oder die Kinder aus der Kita abholen. Dabei haben sie nur ihr Ziel im Blick und verlieren Berlin aus den Augen. Wir wollen das in unserer Blog-Serie anders machen. Ja zum Aussteigen, nein zur Stadtblindheit. Auch wir steigen aus, an Haltestellen die mitunter weniger bekannt sind, aber deren Umgebung Berlinern und Gästen der Stadt eine Menge bietet. Und wir schauen extra genau hin, fassen an, probieren aus, geben uns, mit anderen Worten, die volle Ladung Berlin! Heute geht es mit der U2 bis zu den Wurzeln der Hauptstadt...

Der übliche Windstoß, der einen beim Verlassen der U-Bahnstation erfasst, haucht mir eine nach frisch gemähtem Gras duftende Brise entgegen. Und das obwohl ich heute keineswegs 'raus aus der Stadt gefahren bin, sondern in Mitte – mittiger geht es kaum – im historischen Zentrum, im absoluten Herzen Berlins die Stufen des U-Bahnschachtes emporsteige. Klosterstraße: hier hat die deutsche Hauptstadt ihre Wurzeln. Hier am Mühlendamm wuchsen vor etwa 750 Jahren die Städtchen Berlin und Cölln zur Doppelstadt zusammen. Oben angekommen stellt sich mir die Frage nach der Quelle dieses sommerlich-ländlichen Geruchs. Denn soweit mein Blickfeld links bis zur Grunauer- und rechts bis zur Stralauer Straße reicht, erkenne ich nur ein für das heutige Berlin durchaus typisches Bild, welches ganz sicher andere olfaktorische Noten verbreitet: eine Baustelle. Hinter mir steht erhaben das Stadthaus, vor mir ragt aus hellem Sandstein das viergeschossige Geschäftshaus der Gebrüder Tietz empor und an der Ecke Parochialstraße, die gleichnamige helle Kirche.

Parochialkirche

Als ich den alten Kirchhof betrete, habe ich den Herd des Odeurs ausgemacht: das Gras des kleinen, das Gotteshaus nach Nordosten umgebenden Friedhofs ist frisch gemäht. Unter den großen, in voller Blüte stehenden Bäumen, in denen die Vögel zwitschern, sind uralte eiserne Kreuze, Grabsteine und -tafeln. An der rückwärtigen Mauer entdecke ich außerdem zwei größere Mausoleen. Im Innern der Kirche ist es angenehm kühl. Durch die kahlen, unverputzten Wände und das im Altarraum hängende gigantische Kreuz wirkt das barocke Gebäude auf mich jetzt viel größer als von außen. Unglaublich, denke ich beim Hinaustreten, dass ich hier inmitten des pulsierenden Großstadtalltags, rund 300 Jahre in die Vergangenheit reisen kann. Als ich den Kirchhof verlasse, komme ich an der Hausnummer 68 vorbei, einem nicht minder imposanten gelben Palais. Mit nur wenigen Schritten dringe ich noch tiefer vor in die Berliner Geschichte: Aus roten Backsteinen getürmt, ragt vor mir die Ruine des Franziskaner Klosters aus dem 13. Jahrhundert empor.  An der Längsseite spähe ich in den Innenraum des einstigen Mittelschiffs, ich lasse den Blick die alten Mauern entlang wandern und muss Lächeln als das fehlende Klosterdach den Blick auf den Fernsehturm freigibt. So schnell hat mich das Heute wieder. In der Littenstraße beobachte ich, wie zwei Juristen das Berliner Landgericht verlassen und in ihre Limousinen steigen, die vor übrig gebliebenen Teilen der mittelalterlichen Stadtmauer parken. Ob sie die historische Größe ihrer Parkplätze überhaupt (noch) wahrnehmen? Ob sie wissen, dass für ihre Altberliner Vorgänger das große Gerichtsgebäude einst in der Neuen Friedrichstraße lag?

Zur letzten Instanz

Während ich meinen Gedanken nachhänge, schlendere ich an der Stadtmauer entlang und bleibe verzückt vor dem winzigen Biergarten stehen, der sich an die Mauer und eine äußerst schmale Hauswand schmiegt. Es sieht aus, als habe man dieses dreistöckige Haus aus dem 16. Jahrhundert hier vergessen, so alleine steht es mitten auf der Straße. Auch von vorne, der Waisenstraße, betrachtet, werde ich dieses Bild nicht los,  – als handle es sich bei der ältesten Kneipe Berlins um ein Spielzeughäuschen, das sich, einst hier abgestellt, von den Wogen der Zeit nicht hat unter kriegen lassen. Ich nehme an einem der Holztische im Biergarten Platz und bestelle mir pochierte Hechtklößchen und Spinatraviolis. Umringt von den Zeugnissen der Anfänge der Königlichen Residenzstadt, dem Vogelgezwitscher in den Bäumen und einem leckeren Essen, beschleicht während des kulinarischen Abschlusses, dem Dessert, die Erkenntnis: Allein für diesen Moment hat sich der Ausstieg mal wieder gelohnt.