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Überraschungen hinterm' Ku'damm

Kurfürstendamm - Haupteinkaufsstraße in Charlottenburg
Shopping auf dem Kurfürstendamm in Charlottenburg © visitBerlin, Foto: Dagmar Schwelle

Täglich steigen in Berlin Millionen Menschen aus. Sie steigen aus Bussen, Bahnen und Trams, wollenzur Arbeit, Einkaufen oder die Kinder aus der Kita abholen. Dabei haben sie nur ihr Ziel im Blick und verlieren Berlin aus den Augen. In unserer neuen Blog-Serie wollen wir es anders machen: Ja zum Aussteigen, nein zur Stadtblindheit. Auch wir steigen aus, an Haltestellen, die mitunter weniger bekannt sind, aber deren Umgebung Berlinern und Gästen der Stadt eine Menge bietet. Und wir schauen extra genau hin, fassen an, probieren, geben uns, mit anderen Worten, die volle Ladung Berlin!

Heute an der Haltestelle Olivaer Platz... West-Berlin.

Der Asphalt der berühmten, großen Boulevards ist noch aufgeheizt von dem langsam in den Abend übergehenden Sommertag. Eine warme Brise weht mir entgegen als ich am Olivaer Platz aus dem Bus steige. Ich bewege mich langsam, lasse Lietzenburger Straße und Kurfürstendamm hinter mir und genieße die Atmosphäre, die sich hier inmitten der Charlottenburger Prachtbauten entfaltet. Ganz plötzlich tut sich in der baumbestandenen Straße eine große Lücke auf und gibt den Blick frei auf eine leer wirkende, steinerne Fläche, gerahmt von strengen graugrünen Sandsteinfassaden und doppelstöckigen, linearen Säulengängen: Vor mir liegt der Walter-Benjamin-Platz. Wohl gut 100 Meter lang und in der Breite beinahe zwei Häuserblocks einnehmend, wirkt er sehr streng – beinahe kühl. Allerdings wird die Symmetrie am östlichen Ende des Platzes durch eine einzelne Kastanie gebrochen. Die Läden des daneben stehenden Kiosks sind noch geöffnet, einige Kinder spielen in der Abendsonne und mehr und mehr geht die Ruhe, die diese für Berlin eher untypische Piazza ausstrahlt, auf mich über. Es ist nichts zu spüren von der Hektik des Großstadtalltags, von hin und her eilenden Passanten der nahegelegenen Shoppingmeile.

Hinter den Kulissen

Am einen Ende des Platzes mache ich passend zur architektonischen Reminiszenz ein schickes italienisches Restaurant aus. Und selbst die Kellner hier machen trotz der voll besetzten Terrasse keinen überanstrengten Eindruck, während sie große weiße Teller mit köstlich aussehenden Antipasti an mir vorbei tragen. Doch bevor sich die Gäste von mir beobachtet fühlen, schlüpfe ich schnell unter die Kolonnaden und bummle unter Art-Deco-Leuchten an den messing- und holzverzierten Schaufenstern der bereits geschlossenen Geschäfte entlang. Namhafte Designermode ist in den Auslagen zu sehen und dann taucht – abermals völlig unerwartet – ein eisernes Tor auf, dessen Flügeltüren weit geöffnet sind. Neugierig blicke ich mich um und laufe dann kurzentschlossen hindurch. Am Ende des Durchgangs erwartet mich eine kleine gepflegte Grünanlage samt Kinderspielplatz. Die hier abgestellten Fahrräder mit Kindersitzen sind Indiz dafür, dass der Walter-Benjamin-Platz keineswegs  ausschließlich ein Ort zum Einkaufen und Ausgehen ist. Er erscheint mir vielmehr wie ein gestalterisch perfekter Zusammenschluss aus Lebens- und Arbeitswelt.

Als ich, zurück auf der Granitfläche, meinen Blick über die Fassaden schweifen lasse, kann ich sogar die Aufteilung zwischen Büro- und Wohneinheiten in den oberen Stockwerken erkennen. Insgesamt unterstützt das verwendete, durchweg hochwertige Material den Eindruck von Massivität und Schwere der Gebäude, wenngleich deren polierte Oberfläche auf die wechselnden Lichtverhältnisse reagieren und ihr im Laufe des Abends etwas von der Härte nehmen. Dann entdecke ich zu meinen Füßen einen in den Steinboden gemeißelten Schriftzug: Von einem Verweis  auf Autor und Herkunft der Zeilen fehlt jedoch jede Spur. So wirken die Worte beinahe geheimnisvoll inmitten der konsequenten Leere des Platzes. Und sie bleiben hängen. Während ich meinen Weg auf dem marmornen Boden der breiten Kolonnaden fortsetze, kommen sie mir bald wie das Motto dieses modernen Stadtplatzes vor, dessen Existenz mir unverständlicherweise bisher verborgen blieb. Schließlich verlasse ich die „breite Öffnung zwischen Leibnitz- und Wielandstraße“ und schlendere – der  Benjaminschen Flâneuse alle Ehre machend – in Richtung Savignyplatz davon.