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Mythos Germania – Hitlers Größenwahn

Reichstag zur Weihnachtszeit
© (c) visumate

Weihnachtliches Berlin

Berlin im Frühling: Frisches Grün wächst aus allen Winkeln und die Sonne wärmt schon bis auf die Haut. Um so spannender, jetzt in die dämmrige, wohl ungewöhnlichste Ausstellungshalle Berlins abzutauchen: ein unterirdisches Zwischengeschoss im U-Bahnhof Gesundbrunnen, dem tiefsten U-Bahnhof Berlins. Dort schlägt mir die feuchte Kühle alter Mauern entgegen. Irgendwie das richtige Ambiente für eine Ausstellung, die sich einem düsteren Kapitel der Geschichte Berlins widmet: den Plänen Hitlers, die Reichshauptstadt zu einer gigantischen deutschen Modellstadt umzubauen, deren Dimensionen alle Maßstäbe sprengen und Hitlers Machtanspruch auf Weltherrschaft in Stein meißeln sollte.

Die unterirdische Hauptausstellungshalle reicht über sieben Meter in die Höhe. Einschusslöcher lassen erahnen, welche Szenen sich hier in den letzten Kriegstagen abgespielt haben. In regelmäßigen Abständen durchbricht ein dumpfes Grollen die Stille: Dicht neben und unter dem Raum donnern die Züge der S- und U-Bahn entlang. In der Raummitte steht ein Großmodell der geplanten Reichshauptstadt. Zu sehen: eine Verkehrsachse, doppelt so breit wie die Straße "Unter den Linden", gesäumt von gigantischen steinernen Kuben, riesigen Kuppelbauten und Säulenhallen. Hitler griff hier offensichtlich in den Baukasten der Antike, um inszenierten menschlichen Massenbewegungen und Volksversammlungen Richtung und Raum zu geben. Das Pantheon in Rom inspirierte Hitler zu der Großen Halle - einem entfesselten archtitektonischen Größenwahn am nördlichen Ende der Stadtachse. Der überkuppelte 38.000 Quadratmeter große Bau sollte das Machtzentrum des zukünftigen Großreiches sein, in der sich Volk und Führer als "Volksgemeinschaft" selbst feierten.

Bis zu 180.000 Menschen sollten hier die Hand zum Hitlergruß erheben. Nur um die Dimension vor Augen zu führen: Der Reichtag hätte mindestens 10 Mal hineingepasst! Mein Blick fällt auf einen schweren Kandelaber, der in einer Nische leuchtet – das Originalrelikt einer von Albert Speer entworfenen Straßenlaterne. Albert Speer, der Baumeister Hitlers, war er wirklich jener unpolitische Auftragskünstler, der unter den Nationalsozialisten lediglich die architektonischen Visionen eines größenwahnsinnigen Diktators aufs Papier brachte? Die Ausstellung hat hierauf eine klare Antwort, die vielleicht auch andere Besucher überrascht: Albert Speer war kein Zeichner utopischer Visionen, sondern der Verantwortliche für ein konkretes Bauvorhaben, für das er alle notwendigen Maßnahmen traf. Maßnahmen, die mit schwersten Verbrechen gleichzusetzen sind und die nur allzu bekannt vorkommen: Vertreibung, Deportation und Zwangsarbeit der jüdischen Bevölkerung Berlins. Bilder und originale Zeugnisse der Ausstellung zeugen von einem ungeheuerlichen Plan: Für die neuen breiten Schneisen, die durch die Stadt gehauen werden sollten, für all die geplanten monumentalen Gebäude, mussten Tausende Berliner Bürger enteignet werden.

Um Ersatz zu schaffen, ließ Speer kurzerhand alle Wohnungen auflisten, die von jüdischen Bürgern bewohnt waren und bot sie den anderen zur Auswahl an. Anschließend räumte die GeStaPo die ausgewählten Wohnungen. Daraus erwuchsen Konsequenzen, die Speer gleich in dreifacher Hinsicht die Anerkennung der Nazis einbrachten: Zum einen wurden auf diese Weise, wie auf originalem Kartenmaterial zu sehen, neue "judenreine" Wohngebiete geschaffen. Zum anderen konnten viele ihrer Wohnung beraubten Juden sogleich zur Zwangsarbeit in Konzentrationslager verpflichtet werden, um in nahegelegenen Steinbrüchen das Baumaterial für die neue Reichshauptstadt zu beschaffen. Andere jüdische Bürger flohen vor der GeStaPo innerhalb Berlins zu Verwandten oder Freunden – das wiederum förderte die von den Nazis angestrebte Getthoisierung der jüdischen Bevölkerung. Langsam steige ich die Treppen wieder hoch, das langgestreckte Modell der gigantischen Hauptstadtpläne und die beleuchteten Großaufnahmen aus den Steinbrüchen dahinter noch im Kopf. Eine ungewöhnliche Ausstellung in ungewöhnlichen Räumlichkeiten, die neues Licht auf die Maschinerie nationalsozialistischer Verbrechen wirft.

Dagmar von Schoenfeld

Dagmar

ist eigentlich Archäologin und hat in Mittelamerika auf den Maya-Stätten gearbeitet. Nach zehn Jahren hat sie dann die Welt der Maya gegen ein Leben in Berlin eingetauscht – und festgestellt, dass man auch hier spannende Feldforschung betreiben kann. Am meisten haben es ihr die kulturellen Schätze Berlins angetan. Ob allein oder mit ihren Kindern – sie liebt es, in der Stadt unterwegs zu sein, sich Zeit zu nehmen, genauer hinzuschauen und den einen oder anderen Stein dabei umzudrehen.

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