Direkt zum Inhalt
Bootsfahrt an der Oberbaumbrücke
Berlins offizielles Tourismusportal

2. Tag auf der Berlinale 2019

Schreien, schweigen und schießen

Kinosaal im Kino International
Kinosaal im Kino International © York Kinogruppe, Foto: Daniel Horn

Am 2. Tag hat sich das Festival eingependelt: Die Säle sind voll, die Schlangen davor lang und die Stimmung ausgelassen. Stoff für Diskussionen bieten nicht nur die Filme und Stars, sondern auch (im wahrsten Sinne) die Berlinaletasche. Der Rucksackbeutel ist in Grau und Weiß erhältlich, leider scheine ich meine mit Laptop, Brotdose und Filmmagazinen überfordert zu haben, sie zeigte schon am Ende des ersten Tages Ermüdungserscheinungen.
Im Wettbewerb läuft mit Fatih Akins „Der goldene Handschuh“ (nicht das goldenen Handtuch, wie Dieter Kosslick in der Auftakt-Pressekonferenz sagte) der Beitrag, der im Vorfeld schon für das meiste Aufsehen sorgte. Norwegen schickt das bewährte Team von Regisseur Hans Petter Moland und  Stellan Skarsgård ins Rennen, die Norwegens international erfolgreichsten Roman „Ut og stjæle hester“ (Out Stealing Horses) verfilmt haben.  

Systemsprenger

In kein System passt die neunjährige Benni, die zu unkontrollierten Wutausbrüchen neigt. Das Jugendamt hat sie schon lange von ihrer völlig überforderten Mutter weggenommen, doch in keiner Pflegefamilie und in keinem Heim kann sie lange bleiben. Hilflos stehen die Betreuer ihrer Aggression und Geschrei gegenüber, die sich zwar um sie sorgen und doch nicht die notwendigen Mittel zur Hand haben, um ihr langfristig zu helfen.

Ihre Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit ist ebenso groß wie die Wut, die sie sich trägt, doch eine intensive emotionale Bindung ist im System nicht vorgesehen. Das Trauma, welches sie erlitten haben muss, wird im Film nie erklärt, Andeutungen lassen eine langen und schmerzhaften Leidensweg erahnen.

Als der junge Schulbegleiter Micha sich ihrer annimmt und sich nur um sie kümmert, schimmert eine leichte Hoffnung auf eine glückliche Wendung auf. Doch der Film verweigert sich einfachen Lösungen. Auch wenn sich der Film am Ende leider etwas verliert, ist der erste deutsche Beitrag im Wettbewerb doch ein gelungener Auftakt.

Grâce à Dieu

Grâce à Dieu
Grâce à Dieu © Jean-Claude Moireau

Ein häufiger Gast der Berlinale ist Regisseur François Ozon, wobei die Bandbreite seiner Beiträge von dem zauberhaften „8Femmes“ bis zum katastrophalen „Ricky“ reicht. Nach zahlreichen Filmen, in denen Frauen im Mittelpunkt standen, hat er sich nun bewusst Männer und ihren Gefühlen gewidmet.

Drei miteinander verknüpfte Schicksale werden erzählt: Der wohlsituierte Alexandre lebt im erzkatholischen Lyon. Zufällig entdeckt er, dass der Priester, der ihn als Kind missbraucht hat, noch in Amt und Würden ist und weiterhin mit Kindern arbeitet. Als die Kirche trotz seiner hartnäckigen Interventionen ihn hinhält, erstattet er Anzeige. Es melden sich weitere Opfer, die den Verein „La Parole Libérée“ (Das befreite Wort) gründen, um gegen das Schweigen der Kirche an zu gehen. So bringen sie auch den zuständigen Kardinal Barbarin wegen Nichtanzeige vor Gericht.
Der Film beruht auf wahren Vorfällen, der Fall ist noch vor Gericht, das Urteil wird im März erwartet.  Ozon hat im Vorfeld mit den Opfern gesprochen und daraus drei Geschichten geformt, die nacheinander erzählt werden. Dadurch ist der - mit 137 Minuten sehr lange - Film etwas zu ausführlich und wiederholend geraten. Gerade der erste Teil ist mit seinen vorgelesen Email-Korrespondenz recht ermüdend, bevor er dann mit der zweiten Geschichte und dem Schwung von Denis Ménochet wieder Fahrt aufnimmt. 

Dennoch ein lohnenswerter Film über ein wichtiges Thema. Gegen den Kinostart in Frankreich von François Ozons „Grâce à Dieu“ läuft übrigens derzeit eine einstweilige Verfügung.

Destry rides again

Destry rides again
© Universal Pictures

Nach der ganzen schweren Kost habe ich dann den Tag mit einer leichteren Speise beendet: Die Westernkomödie „Destry rides again“ mit James Stewart und Marlene Dietrich lief in der wunderbar restaurierten Fassung im Kino International. Das ist einer der Filme, bei denen ich nie weiß, ob ich sie schon mal gesehen, oder doch nur drüber gelesen habe. So oder so ist der Film ein großer Spaß mit tollen Songs wie „Boys in the Backroom“ von Friedrich Holländer, und war ein beschwingtes Ende des ersten Tages auf der Berlinale.

Kristin Buller

Kristin

lächelt nur auf Fotos nicht. Ganz fröhlich ist sie im Berliner Kulturleben unterwegs und schreibt über die Kulturszene Berlin – die Großstadt vor und hinter den Kulissen. Ihre liebste Jahreszeit ist die Berlinale, dann sieht sie 10 Tage lang Filme und erzählt davon im Blog.

Kommentare

Neuen Kommentar hinzufügen