„Haus der Kunst und Esskultur“
Die Jüdischen Gemeinde, welche sich von der Auguststraße bis zur Synagoge in der Oranienburger Straße erstreckt, ließ als eines ihrer letzten Bauvorhaben vor Machtübernahme der Nationalsozialisten zwischen 1927 und 1928 die jüdische Mädchenschule in Berlin Mitte errichten. Der Gebäudekomplex des Schulhauses in der Auguststraße 11-13 besteht aus dem fünfgeschossigen Vorderhaus mit einem langen Seitenflügel am Hof und einem turmartigen Körper an der mit roten Eisenklinkern verblendeten Straßenfassade. Das Baudenkmal ist geprägt von spätexpressionistischen Elementen, die mit dem Stil der Neuen Sachlichkeit verschmelzen. Die horizontalen Fensterbänder, die streng entlang der Ziegelführung ausgerichtet sind, lassen den Eindruck einer waagerechten Schichtung des Baukörpers entstehen. Der Architekt Alexander Beer erbaute für die jüdische Gemeinde neben der Mädchenschule unter anderem auch das Waisenhaus in Pankow und die Synagoge am Fraenkelufer. Er wurde ein Jahr vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges im KZ Theresienstadt ermordet.
Die Nutzungsgeschichte war bereits kurze Zeit nach Bezug des Gebäudes von der jüdischen Mädchenschule im Jahr 1930 von der Politik der NS-Diktatur geprägt. 1941 wurden sogar während des Schulbetriebes Deportationen im Hof durchgeführt. Ein Jahr später wurde die Schule geschlossen und bis Ende des Zweiten Weltkriegs vom katholischen St. Hedwigs Hospital genutzt. Erst Mitte der 50er Jahre wurde die ursprüngliche Nutzung durch eine Oberschule wieder aufgenommen. 1996, als der Schulbetrieb wegen Schülermangel abermals eingestellt wurde, sprach man das Gebäude wieder der Jüdischen Gemeinde zu.
Ab diesem Zeitpunkt stand das 3.300 Quadratmeter große Gebäude jahrelang leer. Erst 2006 fand das Haus als Austragungsort der 4. Berlin Biennale wieder größere Beachtung. Schlussendlich dauerte es danach aber fast weitere fünf Jahre bis der Galerist Michael Fuchs 2011 die ehemalige Schule von der Jüdischen Gemeinde für 30 Jahre anmietete.
Nach einer einjährigen Sanierung durch die Architekten Armand Grüntuch und Almut Ernsnum, der es bedurfte um das durch den langen Leerstand zerfallene Gebäude wieder zu seinem alten Charme zu verhelfen, wurde im Februar 2012 die ehemalige jüdische Mädchenschule als „Haus der Kunst und Esskultur“ neu eröffnet.
Neben der Galerie Michael Fuchs, welche in die ehemalige Aula im dritten Obergeschoss ziehen wird, wird auch das Eigen+Art Lab als weiterer Standort des Galerist Gerd Harry Lybke in das Baudenkmal einziehen. In den ehemaligen Klassenräumen des ersten Stockwerks eröffnet die in Charlottenburg ansässige Fotogalerie Camera Work ebenfalls ein zweites Standbein mit der Camera Work Contemporary Gallery.
Komplementiert wird dieser Ort für Gegenwartskunst und Gastronomie durch exklusive kulinarische Sahnehäubchen. Das Team des „Grill Royal“ wurde von den Goldenen 20er-Jahren inspiriert und eröffnet das Restaurant „Pauly-Saal“ sowie die „Pauly-Bar“. Nebenan bietet „The Kosher Classroom“ unter anderem traditionelle Sabbat-Dinner an und mit dem „Mogg & Melzer“ zieht ein Stück New Yorker Esskultur ein.
Kulturelles Umfeld
Auch die nähere Umgebung der ehemaligen jüdischen Mädchenschule bietet einige Highlights. Schräg gegenüber auf der anderen Straßenseite befinden sich die Kunst-Werke Berlin, Institute for Contemporary Art, welche mit Ausstellungen, Künstlerateliers und Veranstaltungen nationale und internationale zeitgenössischen Kultur vorstellen. Das Café Bravo, welches sich im Innenhof des denkmalgeschützten Gebäudes aus dem 18. Jahrhundert befindet, ist gleichzeitig die erste begehbare Skulptur des US-amerikanischen Künstlers Dan Graham.
Angeschlossen an den Gebäudekomplex der KW – Institute for Contemporary Art Berlin ist der Me Collectors Room Berlin zu finden. Dieser zeigt parallel zur Retrospektive Panorama in der Neuen Nationalgalerie die Ausstellung Gerhard Richter. Editionen 1965-2011 vom 12. Februar bis 13. Mai mit etwa 150 Arbeiten des großen zeitgenössischen Künstlers. Unter den Exponaten befinden sich Druckgrafiken, Fotos, Gemälde und Künstlerplakate. Die Olbricht Collection des passionierten Kunstsammlers Thomas Olbricht ist die weltweit wohl einzige Privatsammlung, die annähernd alle Editionen Gerhard Richters von 1965 bis 2011 umfasst.
Außerdem kann hier die Wunderkammer Olbricht besucht werden. Sie zählt mit etwa 150 Exponaten aus Renaissance und Barock zu den bedeutendsten Privatsammlungen ihrer Art.
In der näheren Umgebung hat sich auch die C/O Berlin – International Forum For Visual Dialogues angesiedelt, welches sich mit wechselnden Ausstellungen internationaler Künstler der zeitgenössischen Fotografie verschrieben hat. Bis Herbst 2012 kann man die Fotografieausstellungen im ehemaligen kaiserlichen Postfuhramt besuchen, danach zieht C/O Berlin in die Atelierhäuser im Monbijoupark.
Ebenfalls nur wenige Häuser entfernt kann man in Clärchens Ballhaus – eines der letzten erhaltenen Ballhäuser aus den 1920er Jahren – jeden Abend dem Motto entsprechend Tanzveranstaltungen oder -kurse besuchen oder in das angeschlossene Restaurant mit italienischer und deutscher Küche einkehren.
Nicht zu vergessen ist ein Besuch der Jüdischen Gemeinde selbst. In den Veranstaltungen und wechselnden Ausstellungen in der Neuen Synagoge wird die Geschichte der Juden in Berlin und seiner Umgebung aufgearbeitet. Die Dauerausstellung „Tuet auf die Pforten“ der Neuen Synagoge vermittelt außerdem die architektonische Geschichte des Hauses.
- Neuen Kommentar schreiben