Unterwegs mit der U1

Unterwegs mit der U1

22 Minuten Berlin

U-Bahn – © visitBerlin / Koch

Sie ist die älteste U-Bahnstrecke Berlins. Neun Kilometer, 13 Stationen. Sie wurde Ende des 19. Jahrhunderts gebaut – und zwar größtenteils als Hochbahn. Jeder Bahnhof der Strecke ist ein Unikat. So wie die Fahrgäste. Nicht umsonst heißt es in „Linie 1“, dem erfolgreichsten Berlin-Musical aller Zeiten: „Fahr mal wieder U-Bahn / sparste Fernseh‘n, taz und FAZ / Kitschroman und Geisterbahn.“ Na dann: Einsteigen, bitte!

Warschauer Straße. Endstation. Die Türen öffnen sich und plötzlich ist der Bahnsteig voller Menschen. Die einen wollen raus, die anderen rein. Es ist eng, es gibt nur einen Ausgang. Eine Frau kämpft sich genervt mit einem Kinderwagen durch die Menge. Ein Pärchen läuft vorbei, Arm in Arm, sich gegenseitig stützend – er mit einem Pflaster unter dem Auge, sie mit Sonnenbrille. In sechs Minuten geht es weiter.

13:47 Uhr. „Zug nach Uhlandstraße. Einsteigen bitte. Zurückbleiben bitte.“ Die Türen schließen sich. Der Zug Nummer 715 rollt los, holpernd, ruckelnd, zischend, quietschend. Doch schon nach wenigen Sekunden bremst er wieder, fährt im Schritttempo über die Oberbaumbrücke und bietet die schönste Aussicht, die es in einer U-Bahn geben kann. Rechts der Berliner Fernsehturm, links die Speicherstadt. Und unten die Spree. Es ist die ehemalige Grenze zwischen Ost- und West-Berlin, die Grenze zwischen den Bezirken Friedrichshain und Kreuzberg. Es folgt eine langgestreckte Kurve, und schon hält die Bahn am Schlesischen Tor, mitten im Szene-Viertel Kreuzbergs. Draußen blühen die Kastanien, die Sonne spiegelt sich in den Altbaufenstern, Menschen schlendern durch die Straßen, drängen sich in Cafés. 13:49 Uhr. „Zurückbleiben bitte.“

Eine Frau mit Kaffee ist eingestiegen, eine andere mit einer Styroporplatte, halb so groß wie eine Tür. Beide bleiben stehen, es gibt keinen freien Sitzplatz mehr. Ein Mann liest Zeitung, ein Mädchen hört Musik, die eine tippt auf ihrem Handy, der andere schaut sich Bilder im Fotoapparat an. Dazwischen eine Frau mit geschlossenen Augen. Ständiges Gemurmel bildet die Geräuschkulisse.

13:51 Uhr. Görlitzer Bahnhof. Zwei Musiker mit Akkordeon und Trompete steigen ein. Der nächste Programmpunkt ist klar: 30 Sekunden Musik, dann geht einer der beiden mit einem zerknautschten Kaffeebecher herum. Die Fahrgäste verdrehen die Augen. Ein Zwanzigjähriger in RAF-T-Shirt und Springerstiefeln konstatiert knapp: „Wer denen Geld gibt, ist naiv.“ Kottbusser Tor. Die Musiker steigen aus, ein Fahrkartenkontrolleur ein. Wieder werden die Augen verdreht. Das Stadtbild draußen hat sich längst verändert. Graue Siebziger Jahre Betonbauten stehen an der Strecke, an jedem Fenster eine Satellitenschüssel. Zerplatzte Farbbeutel an den Häuserwänden, Graffitis und heruntergelassene Jalousien. Auch das ist Kreuzberg.

13:54 Uhr. Prinzenstraße. Das U-Bahn-Publikum erreicht den höchsten Grad seiner Durchmischung: Russisch, Spanisch, Türkisch, Polnisch und Englisch sind zu hören, dazu Deutsch in den verschiedensten Dialekten. Eine Frau holt einen rosafarbenen Spiegel aus der Handtasche und zieht sich die Lippen nach.

13:56 Uhr. Hallesches Tor. Mit einem Schlag ist die U-Bahn halb leer, der Altersschnitt der Übriggebliebenen verdoppelt sich. Es folgt der Bahnhof Möckernbrücke. Freie Sicht zum Potsdamer Platz, Überquerung des Landwehrkanals, Blick über die Dächer Berlins, Gleisdreieck. Punkt 14 Uhr fährt der Zug in die Dunkelheit. Alles ist schwarz. Im Sekundentakt schnellen Lampen vorbei, ein paar Rohre sind zu sehen, es riecht modrig, eine Mischung aus Öl, Schmutz und Feuchtigkeit. Willkommen im Untergrund, in der Kurfürstenstraße.

Es ist 14:02 Uhr. Irgendwo zählt ein kleiner Junge vor sich hin: „171, 172, 173...“ Die Bahn hält am Nollendorfplatz und ist wieder voll. Ein Mittvierziger steigt ein, begrüßt überschwänglich die Fahrgäste und bietet die Obdachlosenzeitung „Motz“ zum Verkauf. Eine Frau zückt ihr Portemonnaie. Wittenbergplatz. „195, 196, 197...“, der Junge steigt aus. „198, 199 – Eintausend!“ Die Mutter unterbricht ihn. „Was kommt nach 100?“ Kurze Pause. Große Augen. „200!“, erklärt sie. „Zurückbleiben bitte.“ Die Türen schließen, und das Wettrennen beginnt. Im Tunnel nebenan fährt die U2 nach Ruhleben. Erst überholt sie, dann fällt sie zurück. Die U1 gewinnt. Kurfürstendamm.

14:09 Uhr. Nach exakt 22 Minuten Fahrzeit, hält der Zug in der Uhlandstraße. „Endstation. Bitte alle Aussteigen.“ Hier ist alles sauber, steril und blau: Das Wartehäuschen, die Decken, die ionischen Gewölbesäulen, die Bänke. An den Wänden alte Fotografien. Der Zug fährt ab. Plötzlich ist es still. Nur ein paar eilige Stöckelschuhe sind zu hören. Und das Geräusch des Fahrkarten-Entwerters, am anderen Ende des Bahnsteigs. Sekunden später fährt am Gleis gegenüber eine leere U-Bahn ein, Nummer 714. Es ist die U1 Richtung Warschauer Straße.

Kommentare

Echt super geschrieben ;)