Mehr Fernost geht nicht!

Lichtenberg

Blumenladen – © Andreas Muhs
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Nirgendwo in Berlin leben mehr Vietnamesen als in Lichtenberg. Vor rund vier Jahrzehnten als Arbeitskräfte nach Deutschland geholt, um in den sozialistischen Bruderbetrieben der DDR zu arbeiten, haben viele in Berlin eine neue Heimat gefunden. Und sie bilden bis heute eine äußert lebendige Gemeinschaft. Wie lebendigt, zeigt sich im Dong-Xuan-Center schon auf den ersten Blick: Hier sorgen mehr als 200 Händler, Dienstleister und Gastronomen für bunte Geschäftigkeit. Und klar ist: Mehr Fernost als in Lichtenberg geht nicht!

Von Siemens bis zur VEB Elektrokohle

Genau 2,3 Kilomter führt die Herzbergstraße durch Lichtenberg – und gleichzeitig durch die Berliner Industriegeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Schon im Jahr 1872 errichtete die Firma „Siemens & Halske“, das heutige Unternehmen Siemens, an der Herzbergstraße 128-139 eine Produktionsstätte zunächst für so genannte „Alkohol-Messapparaturen“, später für Beleuchtungskohle und Kohlebürstenerzeugnisse. In der DDR wurde aus dem Betrieb die VEB Elektrokohle Lichtenberg (EKL) und damit der einzige Hersteller für Graphitprodukte der DDR. Mehr als 3000 Mitarbeiter fanden hier Arbeit, bis 1997 die Produktion eingestellt wurde.

Alte Gebäude, neues Leben

Auch wenn in den Jahren nach der Wende viele Fabrikhallen und Schornsteine in der Herzbergstraße stillgelegt und abgerissen wurden, ist die Straße bis heute ein wichtiger wirtschaftlicher Standort des Bezirks. Schon im Straßenbild fällt auf, dass die Ansiedlung neuer Unternehmen erfolgreich war. So erfolgreich, dass sich heute mehr als 500 Unternehmensadressen an der Straße finden lassen. Und ein Spaziergang von der Kreuzung Vulkanstraße bis zu dem 1882-1982 im Neo-Renaissance-Stil errichteten Hauptgebäude des Evangelischen Krankenhauses Königin Elisabeth Herzberge führt an zahlreichen denkmalgeschützten Industriegebäuden genauso vorbei wie an neuem wirtschaftlichem Leben.

Dong Xuan Center: Einkaufen auf der „Frühlingswiese“

Der Spaziergang führt auch zu der Herzbergstraße 128. Hier, auf dem Gelände der ehemaligen VEB Elektrokohle, befindet sich in vier Großmarkthallen das asiatische Kultur- und Handelszentrum „Dong Xuan Center“. Es ist benannt nach der größten Markthalle der vietnamesischen Hauptstadt Hanoi. „Frühlingswiese“, heißt der Name übersetzt, und auch wenn zunächst vergeblich nach frühlingshaften Wiesen Ausschau hält, ist doch nicht zu übersehen, dass auf den mehr als 80.000 Quadratmetern das Geschäft floriert. Und wenn einer jemals behauptet hat, dass ein Besuch in Lichtenberg nicht zu den Höhepunkten eines Berlin-Aufenthaltes zählt, kann noch nicht im Dong-Xuan-Center gewesen sein!

Von der Kunstblume bis zum Reissack

Einmal in Berlin um die Ecke gebogen, und schon in Asien angekommen. Dieser Gedanke stellt sich beim Anblick des fröhlichen Durcheinanders sofort ein. Während aus den Lautsprechern der Halle asiatischer Plastik-Pop zu hören ist, geht es in den Hallen lebhaft und lautstark zu, wenn die mehr als 200 vietnamesischen Händler mit ihren Kunden über die Preise diskutieren. Das Sortiment reicht von der kitschigen Kunstblume in den schrillsten Farben bis zum praktischen 50-Kilo-Reissack. Anders kann das in Asien auch nicht aussehen. Warum also eigentlich noch in die Ferne schweifen? Lichtenberg liegt doch so nah.

Beim Nachtisch schon wiederkommen

Das Dong-Xuan-Center lässt jedenfalls keine Wünsche offen. Vom Friseur über das Nagelstudio bis hin zu Reisebüros und Fahrschulen gibt es hier auch an Dienstleistungen nichts, was es nicht gibt. Und wer sich endlich satt gesehen hat, bekommt garantiert Appetit auf vietnamesisches Essen. Und das ist hier nun gar kein Problem. Die vietnamesische Küche, die von vielen Gourmets als eine der besten Küchen Asiens angesehen wird, verbindet eigene Traditionen mit Einflüssen aus China, Indien und Frankreich. Und wer einen Besuch im Dong-Xuan-Center mit Ga Xao Xa Ot (Pikant gebratenes Hühnerfleisch an Zitronengras) oder Rau Xao Thap Cam (Gebratene Gemüse-Variation) abgeschlossen hat, überlegt spätestens beim Nachtisch, wann man wiederkommen kann. Vielleicht schon am nächsten Tag?