Themenjahr: Zerstörte Vielfalt

Themenjahr: Zerstörte Vielfalt

Berlin im Nationalsozialismus

Joachim Ringelnatz: Herbstgang, 1929 (Detail) – © erloschen, Foto: Kai-Annett Becker
Denkmal für die ermordeten Juden Europas – © BerlinPartnerGmbH / Scholvien
Politische Polizei, Schutzpolizei und SA- und SS-Hilfspolizei durchsuchen „das Berliner Judenviertel in der Grenadierstraße (heute: Almstadtstr.) und Dragonerstraße (heute: Max-Beer-Str.) nach kommunistischen Flugblättern und lästigen Ausländern.“ (Originalbildtext Aktuelle-Bilder-Centrale, 1933), 4. April 1933. – © Bundesarchiv, Koblenz, 102-02941A, Foto: Georg Pahl
Kurz nach dem „Anschluss“: Die Aufnahme vom 22. März 1938 zeigt österreichische Soldaten in Berlin mit der Berliner Illustrierten Nachtausgabe – © Süddeutsche Zeitung Photo/Scherl

Berlin ist eine Stadt vielfältigster Lebensentwürfe. In diesem Umfeld entstehen Ideen und Projekte in der Kunst, auf der Bühne, im Stadtbild und im alltäglichen Leben. Diese berühmte Berliner Vielfalt erreichte in den 1920er Jahren ihren Höhepunkt – bevor die Nationalsozialisten ab 1933 mit ihrer Diktatur der Gleichschaltung begannen.

Zum Gedenken an die Vielfalt der Stadt und an die fatalen Auswirkungen der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft wurde 2013 das Themenjahr "Zerstörte Vielfalt – Berlin in der Zeit des Nationalsozialismus" ins Leben gerufen. Vom 30. Januar - dem 80. Jahrestag der Machtergreifung der Nationalsozialisten - bis zum 9. November 2013 - dem 75. Jahrestag der Novemberpogrome - gab es stadtweit unzählige Veranstaltungen.

Zahlreiche Ausstellungen präsentierten Forschungsergebnisse und Untersuchungen, szenische Lesungen gaben anhand von privaten Briefen Einblicke in den damaligen Alltag, Filme konfrontierten Zeitzeugen mit jungen Berlinern. Daneben warfen an öffentlichen Plätzen vielerorts Markierungen und Denkzeichen Fragen auf. Das Deutsche Historische Museum flankierte das Themenjahr mit der großen Sonderausstellung "Zerstörte Vielfalt. Berlin 1933-1938". Die Ausstellung war zentraler Ausgangspunkt für die vielen Museen, Gedenkstätten, Initiativen, Vereine und Privatpersonen, die sich mit Projekten an dem Gedenkjahr beteiligen.

Offizielle Internetpräsenz zum Themenjahr
Portalausstellung im Deutschen Historischen Museum

80. Jahrestag der Machtübernahme

Die gewonnenen Reichstagswahlen von 1932 und die Übertragung der Reichskanzlerschaft auf Adolf Hitler markieren Ende Januar 1933 den Tag der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Mit einer Notverordnung nach dem Reichstagsbrand, dem Ermächtigungsgesetz sowie dem sogenannten Arierparagraphen verschärfte die NSDAP sogleich die politische Situation. Sie trieb viele jüdische Mitbürger durch Boykottmaßnahmen in die Emigration und errichtete erste Konzentrationslager in der Nähe Berlins. Das Berufsverbot für Nichtarier, die Aufhebung der Pressefreiheit sowie die Bücherverbrennung auf dem Platz vor der Alten Bibliothek (heute Bebelplatz) erstickte zunehmend den Widerstand gegen die Herrschaft der NSDAP.

Orte der Geschichte im heutigen Stadtbild:
Bebelplatz
Denkmal zur Erinnerung an die Bücherverbrennung
Stolpersteine

75. Jahrestag der Novemberpogrome

Ein in Paris verübtes Attentat lieferte den Nationalsozialisten einen willkommenen Vorwand für die Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938. Jüdische Geschäfte, Wohnungen und Gotteshäuser wurden im gesamten Großdeutschen Reich zerstört, elf der vierzehn Berliner Synagogen brannten komplett nieder. Die Neue Synagoge in der Oranienburger Straße konnte durch den couragierten Einsatz eines Polizeivorstehers gerettet werden. Mehr als 1.000 Juden wurden in das Konzentrationslager Sachsenhausen (Oranienburg) deportiert. Die überlebenden Opfer wurden angewiesen, mit einer Judenvermögensabgabe für die Wiederherstellung des Straßenbildes aufzukommen. Die Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem Wirtschaftsleben verbot jüdischen Mitbürgern fortan, einen eigenen Betrieb zu führen und Waren zu verkaufen.

Orte der Geschichte im heutigen Stadtbild:
Gedenkstätte Sachsenhausen

Berliner Vielfalt der 20er und frühen 30er Jahre

Die am 14. August 1919 in Kraft getretene Weimarer Verfassung brachte den Menschen in Deutschland u.a. die Gleichheit vor dem Gesetz, das Recht auf freie Meinungsäußerung sowie die Glaubens- und Gewissensfreiheit. In der Industrie- und Arbeiterstadt Berlin profitierten die Bewohner insbesondere durch die Grundrechte auf Arbeit und Wohnraum. Darüber hinaus wirkten sich die Schaffung eines einheitlichen Arbeitsrechts und das Recht auf Bildung von Betriebsräten nachhaltig auf die Wirtschaft in der Stadt aus.

Neue Sachlichkeit

Die neuen Freiheiten der Weimarer Republik genossen in Berlin besonders die Künstler und Intellektuellen. Bertolt Brecht, Otto Dix, Max Liebermann, Erich Kästner, Joachim Ringelnatz, Billy Wilder u.v.a. trafen sich im Romanischen Café am Kurfürstendamm 238 (heute Budapester Straße 43). Die Neue Sachlichkeit in Literatur, Kunst und Musik analysierte, kommentierte und beeinflusste die aktuellen politischen Entwicklungen, z.B. mit Gebrauchslyrik (Kästner, Ringelnatz, Tucholsky) und Gebrauchsmusik (Hindemith). Auch das Kino entwickelte mit Filmen wie Freudlose Gasse (Georg Wilhelm Pabst, 1925) oder Metropolis (Fritz Lang, 1927) wichtige Positionen zum Zeitgeschehen.

Orte der Geschichte im heutigen Stadtbild:
Museum für Film und Fernsehen

Unterhaltungskultur

Neben der politischen Kunst prägte in den 1920er Jahren besonders die Unterhaltungskunst das Bild Berlins. Wilhelm Furtwängler dirigierte die Berliner Philharmoniker und an der Berliner Staatsoper. Man tanzte Jazz und Shimmy. 1926 brachte Josephine Baker mit ihrem spektakulären Auftritt im Nelson-Theater am Kurfürstendamm den skandalträchtigen Charleston nach Deutschland. Cabarets und Varietés hatten Hochkonjunktur. Parallel dazu entwickelte sich in Berlin eine Bar- und Kneipenszene für Schwule und Lesben mit internationaler Anziehungskraft.

Entartete Kunst

Mit der NS-Aktion Entartete Kunst wurden Künstler ausgegrenzt, verfolgt und teilweise in Konzentrationslager verschleppt. Viele von ihnen, vor allem Juden und politisch kritische Geister, wurden ermordet.

Neue Architektur

Unter dem Begriff Neues Wohnen fanden die Architekten Bruno Taut (Großsiedlung Britz, Gartenstadt Falkenberg, Wohnstadt Carl Legien, Siedlung Schillerpark), Hans Scharoun (Großsiedlung Siemensstadt) und Otto Rudolf Salvisberg (Weiße Stadt) sozial, konstruktiv und stilistisch ökonomische Antworten auf die Wohnungsnot des frühen 20. Jahrhunderts. Ihre heute zum Welterbe der UNESCO gehörenden Bauten waren stark durch das 1933 in Berlin zur Selbstauflösung gezwungene Bauhaus geprägt.

Orte der Geschichte im heutigen Stadtbild:
Bauten der Moderne

Jüdisches Leben

Während die Spandauer Vorstadt und das Schlesische Tor Anlaufstellen für arme Migranten aus Ost-Europa wurden, entwickelte sich das Bayerische Viertel in Schöneberg zum Mittelpunkt des jüdischen Bürgertums in Berlin. Unternehmen wie Schocken, Wertheim und Tietz (KaDeWe) waren Wegbereiter für das Berliner Warenhausgeschäft, und die jüdischen Konfektionshäuser David Leib Levin, Gebrüder Mannheimer und Herman Gerson am Hausvogteiplatz galten als das damalige Zentrum der Damenmode.

Von 201 Berliner Privatbanken waren 150 in jüdischem Besitz und die freien Berufe wie Rechtsanwalt, Notar oder Makler wurden überproportional von jüdischen Mitbürgern ausgeübt.Auch in Forschung und Lehre wirkten mit den Nobelpreisträgern Albert Einstein und Gustav Hertz viele wichtige deutsch-jüdische Wissenschaftler. Im Gegensatz dazu waren zur Zeit der Weimarer Republik in zwanzig aufeinanderfolgenden Reichsregierungen mit insgesamt 200 Reichministern nur zwei Juden vertreten: der Innenminister Hugo Preuß (1919) und der Außenminister Walther Rathenau, der 1922 bei einem rechtsterroristischen Attentat ermordet wurde.

Berlin heute: Anknüpfung an Traditionen der 20er

Die im II. Weltkrieg nahezu zerstörte kulturelle Infrastruktur des Berlins der 20er Jahre konnte erst nach dem Mauerfall annähernd wieder hergestellt werden. Mit der Wahl des bekennenden schwulen Politikers Klaus Wowereit (SPD) zum Regierenden Bürgermeister von Berlin wurde 2001 ein wichtiges Zeichen für Pluralität und Weltoffenheit gesetzt. Seitdem konnte sich die Stadt nicht nur zum internationalen Hotspot des homosexuellen Lebens und als Deutschlands Party-Hauptstadt entwickeln.

Auch die jüdische Kultur kehrt wieder nach Berlin zurück. Die durch den Zuzug von Juden aus Ost-Europa stark angewachsenen jüdischen Gemeinden Berlins treffen sich heute in jüdischen Versammlungs- und Gotteshäusern – oder feiern gemeinsam auf einer der angesagten Parties israelischer Wahlberliner. Damit „das Potential der sowohl theologisch als auch bekenntnisneutralen Jüdischen Studien“ in Berlin wieder belebt und zur Entfaltung gebracht werden kann, gibt es im Stadtteil Mitte seit Juni 2012 das universitätsübergreifende Zentrum für Jüdische Studien. Das Jüdische Museum Berlin erinnert seit 2001 an 2000 Jahre deutsch-jüdische Geschichte.

Orte der Geschichte im heutigen Stadtbild:
Jüdisches Museum